Arithmetische Armut

Wächst in Deutschland die Armut? Es hat doch immerhin den Anschein, denn die Meldungen bestimmter Medien und sozialer Interessengruppen scheinen darauf zu verweisen. Der Präsident des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) Mario Ohoven fordert Anfang Mai 2015 in einer Online-Publikation dazu auf, in dieser Frage Augenmaß walten zu lassen. Es gibt durchaus eine “arithmetische” Armut, so Ohoven: Man könne Menschen arm und auch reich rechnen.

Die Argumente im Einzelnen

Wohlfahrtsverbände und die ihnen traditionell verbundenen Armutsforscher verbreiten gern alljährliche Horrormeldungen, die sich auf den vermeintlich sehr seriösen Armutsbericht der Bundesregierung stützen. Einer kritischen Prüfung halten die wenigsten dieser Meldungen stand, so Ohoven. Zu ihnen gesellt sich gern im selben Atemzug die These, nahezu alle Reichen hierzulande hätten ihr Vermögen vorwiegend geerbt.

Dem widersprechen übrigens sogar Lobbyverbände von vermögenden Bundesbürgern, die gern und voller Stolz darauf verweisen, wie immer wieder deutsche Entrepreneure die uramerikanische Story “vom Tellerwäscher zum Millionär” auch hierzulande verwirklichen, in jüngster Zeit in der Online-Wirtschaft. Es geht, wollen diese Publizisten damit sagen. Jedermann hat dieselben Chancen, muss sich aber anstrengen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht das vollkommen konträr und beschwört die drohende “Verelendung Deutschlands” in seinem jüngsten Armutsbericht. Das kritisiert Mario Ohoven, vor allem die entsprechend platzierte Pressemeldung hält er für prekär: „Armut auf Höchststand”. Das sei Alarmismus, so Ohoven, der um eine differenzierte und vor allem exakte Betrachtung bittet.

“Sprunghafter” Armutsanstieg: Propaganda pur

Die Worte des Armutsberichtes vom “sprunghaften Armutsanstieg” in deutschen Landen sei Propaganda pur, so Ohoven, wenngleich das mediale Echo auf solche starken Worte naturgemäß nicht auf sich warten lasse. Es sei aber erklärbar, warum manche Publikationen das Gespenst der Massenverarmung an die Wand malen. Der Auftraggeber der zitierten Studie ist als Paritätischer Wohlfahrtsverband eine mächtige Lobbyorganisation, zu welcher kaum Schwache und Arme, jedoch mehr als 10.000 organisierte soziale Gruppierungen und Vereinigungen angehören. Deren Mitglieder leben teilweise hauptamtlich von der Hilfe an Bedürftige. Kritiker bezeichnen das als “Helferindustrie”.

Deren Handschrift muss wohl eine Studie wie die des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes tragen, die unterstellt, dass rund 15 Prozent der Bundesbürger unterhalb der definierten Armutsgrenze leben. Um das zu verstehen, muss man die Grenze kennen: Sie beginnt bei einem Haushaltseinkommen von unter 60 Prozent des Medianeinkommens (mittleres Einkommen zwischen Arm und Reich, kein Durchschnittseinkommen), wovon dann auch der allein verdienende Vater mit Frau und zwei Kindern, aber immerhin 3.300 Euro Einkommen betroffen wäre.

Diese Familie gälte nach dieser Betrachtung als “arm” (sie erhält unter anderem Kindergeld). Dass das nicht stimmt, leuchtet sogar den Betroffenen ein, indes lassen sich solche Rechenspiele beliebig fortsetzen. Diese scheitern allein schon am Vergleich der Ausgaben – etwa zwischen teuren Metropolen und ländlichen Gegenden. Zöge man noch Vergleiche mit anderen Staaten heran, entstünde eine absurde Arithmetik, so Mario Ohoven. Diese Betrachtung sei aber eindeutig von Interessen getrieben, ebenso wie die Behauptung, die deutschen Reichen hätten überwiegend geerbt: Das haben Forscher des DIW und der FU Berlin erst jüngst widerlegt. In Deutschland gibt es nur rund ein Drittel ererbtes Vermögen.